Eine Olive vor Gericht
Eine Olive war mal angeklagt,
sie habe zum Salat gesagt
er sei ein ziemlich blödes Kraut,
ob er sich mal angeschaut,
wie komisch er sich stets plissiere,
ach so wichtig sich geriere,
überall frappant sich krause
als lebe er allein im Hause.
Man habe wohl sein Hirn verbrannt
und dreimal zum Gestirn verbannt,
wenn er im vollen Ernste glaube,
er sei der Schöpfung Sahnehaube.
Der Redefluss gar schmählich schwallte,
der Salatkopf an sein Herz sich krallte.
Das krank Gekrös war nicht sehr stark
und hüpfte hektisch im Infarkt,
nach einer der Beleidigungen
hatte es dann ausgeschwungen.
Kein bisschen es mehr oszillierte,
die Olive das kaum obstruierte,
mit arger List den Kern sie spuckte
auf den Salat, der nicht mehr muckte.
Die Klage nun auf Injurie
Impulsiv, so habe sie,
die grün-hart-unreif-dreist Olive,
aus schändlich seichtem Tatmotive
den Salat ganz ohne Not,
in den frühen Tod gerissen,
ihn gereizt und provoziert,
bis sein Herz ward implodiert.
Der Staatsanwalt drum plädoyiert
auf fünfzehn Jahre Einzelhaft,
eingemacht im eignen Saft,
mariniert und streng verriegelt,
mit Gummiband voll luftversiegelt.
»Die Tat«, so spricht der Anwalt rüde,
»trägt eklatant morbide Züge.«
Die Umwelt sei davor zu schützen,
ein Freispruch würde hier nichts nützen.
Die Gegenseite widerspricht:
nein, so einfach sei das nicht.
Es fehle jede Handhabe
für die Olivenanklage.
»Ein Unfall war‘s,
höchst unerquicklich,
das mit dem Kern
gespuckt nicht schicklich.«
Doch wenn das zu bezeichnen sei,
dann bloß als Leichenfledderei
und darauf steht als höchstes Maß
die Strafe, äh, er grad vergaß
und flugs der Richter sich beeilt,
das Wort zu der Beklagten seilt.
Jene sitzt auf heißen Kohlen,
beginnt bald völlig unverhohlen,
schöpft tief lange einmal Luft
und
knöpft sich vor den Staatsanwalt,
diesen Advokatenschuft,
der nach einer Watschen schreit.
Wie er da säße, dick und breit,
der Richter drängt auf Sachlichkeit,
und ob er sich mal angekuckt
und leider er schon ausgespuckt
der Kern, weil hätte sie das nur geahnt,
was heute sich hier angebahnt,
dann hätte sie ihn eingespeichelt
und gern ihm im Gesicht verstreichelt,
ihm, dem überflüssigem Testat,
dass diese Schöpfung Schwächen hat.
Der Staatsanwalt wird weißwurstbleich,
einem Anämieerkranktem gleich,
auch ihm ein Herz, das sehr labil
prompt wird es ihm bereits zu viel.
Er japst noch was von »Bypass frisch«
dann rutscht er untern Aktentisch.
Durchs Publikum ein Murmeln wallt,
doch die Olive weiterschwallt
und schmollte,
als sie aufhörn sollte.
Wüst beginnt sie aufzuschäumen
der Richter lässt den Saal flink räumen.
Chaos wirr und Konfusion,
panisch jeder flüchtet schon.
Der Staatsanwalt liegt noch am Boden
als die Verhandlung wird verschoben
Am Schluss nur die Olive bleibt,
wie sie durch die Bude schreit,
dass jeder hier ein Heini sei
und die Gedanken seien frei.
Das Urteil also ist vertagt
die Olive weiter angeklagt
sie habe zum Salat gesagt
zum Staatsanwalt jetzt obendrein,
dass beide Fehlgeburten sein
und alles wohl kein Zufall war
mit Herzanfall et cetera.
15. Dezember 2003
