Die Ballade von der Ritterwanze

ritterwanze

Im Morgengrau, in flauem Licht
der Nebel zog sich schwer,
ein Schatten durch das Dickicht bricht,
und schiebt es vor sich her.
Der Umriss trägt in einer Hand,
hehr die Schlachtenlanze,
zum Hals geschnürt ins Rüstgewand,
kommt hier: die Ritterwanze.
Ihr Kurs sie führt quer übers Land,
zum Drachen –Lindwurm auch genannt,
den zu schlagen es sie glühend drängt,
und Kühnheit ihre Schritte lenkt.
Am Herze ihr noch bänglich hängt,
die Trennung von der heiß Geliebten,
die, des Fährnis eingedenk,
den Aufbruch weidlich trübten.
Doch vorwärts! spricht die Käferseele,
kein Schmerz mehr meine Sinne quäle.
»Wen Höheres gerufen hat,
muss vom Niederen ganz lassen,
um drauf im Glanz der großen Tat,
sein Glück allsamt zu fassen,
denn: Tapferkeit und Nostalgie,
jeder weiß, das paart sich nie.«
So rackert sie sich s’Land entlang,
gleich wacker’s bloß ne Wanze kann.
Und wie sie durch Wiesen strich
durch Weide, Feld und Ackersand,
der Frühtau von den Wäldern wich,
und kreidebleich der Welt entschwand,
es allgemach sie interessierte,
welcher Weg zum Drachen führte,
weil sie zwar ahnte wie er aussah,
mitnichten nur, wo er zu Haus war.
Ratlos kuckte sie sich um,
wägte bald ja gar warum
zum Teufel sie sich aufgemacht,
was hatte sie da draufgebracht?
Bloß als ein Wurm vorüberschlich,
sie die Chance beim Schopfe griff
und fragte ihn, im Tonfall frei,
wo der Drachenwohnstall sei.
Nun der Wurm, s’scheint kaum frappant,
als Weichtier grade Brei verstand,
schlechterdings nicht reagierte,
da er die Frage nicht kapierte,
was bei der Wanze dahin führte,
dass, missempfunden von der Welt,
sie Zweifeln um den Sinn verfällt.
Und vage streift sie die Idee,
ihr Schicksal mit dem Schwert in Händen
verehrt als Freigeist zu beenden.
»Besser tot als peinlich leben«,
möcht sie den Schaft zum Stoße heben,
doch hemmt ein Schrei jäh ihre Absicht,
urgewaltig, grauenvoll,
er kalt ihr in die Ohren sticht,
grad bebend aus der Hölle quoll.
Die Wanze fegt, kein Überlegen,
verwegen gleich dem Laut entgegen,
nähert sich, erblickt direkt,
hinter einem Strauch versteckt,
den Drachen…halt, so ist er das?
jämmerlich und mickrig klein
sitzt er zag im hohen Gras,
das soll jetzt das Monster sein?
Es klagt und hält den Rücken krumm,
als harre es dem Pneuma,
stützt den Kopf auf, in Anlehnung
an Rodins »Denker«, nur mit Rheuma.
»Hey, Lindwürmchen«,
plärrt die Wanze keck,
und tritt aus ihrem Winkel vor,
»mi’m Kopf schon mal im Dreck gesteckt?«
reckt sie heiß den Spieß empor,
stapft potent dem Gegner zu,
der Drache denkt: »Wer bist denn du?«
Und hatt’ es lang nicht ausgedacht
hat sie schon einen Stich gemacht.
Der Lindwurm selbst, vor Blüffen starr,
bewegter ganz die Wanze war
und hiebt und pikst prompt wie im Fieber,
das Ungetüm wild immer wieder,
gabelt sich erst in Ekstase
dann den Drachen in die Nase.
Spät jener aus der Lähmung fährt,
nachdem er ewig zugeschaut,
wie die Wanz, derweil alert,
ihm unwirsch in die Wampe haut.
»Ausgeburt der Insolenz!«,
flucht der Wurm
»dergleichen grenzt«
nein, überrage
jede Art Impertinenz,
die er zu wähnen wage.
»Dass dieser Balg sich gar nicht schämt
auf meine alten Tage,
kreuzerkrankt und gehgelähmt,
ich duldsam, wäg mein Leid ertrage…
ist das der Dank für Friedsamkeit?
Die Wanze breit
grad weiterkriegt
setzt sogar aufs Neue an,
und trifft dabei blind, ohne Plan
im Lindwurmleib nen Meridian.
Der Drache juchzt jach: »Schmerz ist weg!«,
der Speer ihm noch im Rücken steckt.
Die Wanz, aus ihrem Wahn erweckt,
schwank nun auf der Stelle weilt,
und nachgerad, gemach entdeckt:
der Drache lebt, ja, ist geheilt!
Grein schafft sie ihrem Frust Gehör,
»Held wollt ich sein
kein Akupunkteur.
Oh, Schande, Schande«,
schluchzt sie leise,
indes der Drach sich an sie schmiegt
und spricht dran sanft, fast lebensweise:
»Wanze, sieh, du hast gesiegt:
Am Ende doch bist du die Kraft,
die Böses will, und Gutes schafft
Das hat kaum einer hingekriegt.«
Und grübelnd sie den Kopf herwiegt,
die wilde Ritterwanze,
noch Dichters Wort im Ohr ihr liegt,
als grübelnd dann verschwand sie.

Pesaro, 26. März 2008